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Interview mit Jan PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Gilbert Plugowski   
Donnerstag, 4. Oktober 2007

Interview mit Jan Silberstorff auf dem letzten Seminar in Karlsruhe 2007

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von Jan Silberstorff.

 

Frage 1: Wie wichtig erachtest Du das Üben mit dem Dagan? (Pole Shaking)

Frage 2: Welches Niveau würdest Du dem Dagan voraussetzen?

Frage 3: Wie wichtig erachtest Du Dehn- und Kräftigungsübungen?

Frage 4: Übst Du spezielle Fajin (Explosionsbewegungen)-Übungen, oder kommt wirklich alles aus der Form?

Frage 5: Übst Du ein spezielles Qigong?

Frage 6: Was sind Deine Pläne mit der WCTAG, angesicht der immer größeren Schülerschaft, wie willst Du die WCTAG an die Größe anpassen?

Frage 7: Wie viel Training ist notwendig um im professionellen Bereich gut zu werden?

Frage 8: Sind Waffen wichtig zur Entwicklung des eigenen Taijiquan-Könnens?

Frage 9: Es gibt einen weitere Diskussion über eine Aussage, die Du mal getätigt haben sollst: 90 % Form, 10 % Anderes. Wie stehst Du zu dieser Aussage, im Internet wird das sehr kontrovers diskutiert. Chen Zhenglei hat einmal gesagt, dass man ca. 25 Routinen pro Tag benötigt, um ein richtig hohes Niveau zu erreichen.

 


 

 

 

Frage 1: Wie wichtig erachtest Du das Üben mit dem Dagan? (Pole Shaking)

  

Die Dagan-Übung ist für jemand der Taiji im Hobby Bereich macht nicht entscheidend wichtig!

Das Ding ist einfach groß, ein Sperrgut, man kann es nicht zuhause üben, und auch nicht in die meisten Autos packen. Und es ist vom Trainingsgehalt her nicht an erster Stelle des Trainingssystems. An erster Stelle ist Stehende Säule, Seidenübungen, Handform. Wer darüber hinaus noch Interesse hat noch Pushhands und Waffenformen zu machen, für den wird Dagan irgendwann interessant. Für den, der aber über das gewöhnliche Hobby hinaus sich mit Taiji beschäftigt, für den wird Dagan ganz sicher interessant und eine von vielen ergänzenden Übungen.

 

 

 

Frage 2: Welches Niveau würdest Du dem Dagan voraussetzen?

 

Es ist eher ein genereller Zeitfaktor, als eine Frage der Vorerfahrung. Man kann den Dagan schlecht oder gut schütteln, oder bewegen. Wenn man Stehende Säule, Seidenübungen und Handform gut macht, und darauf hin sein Trainingsprogramm mit Pushhands oder Waffenformen erweitert, dann kann man auch mit dem Dagan beginnen.

 

 

  

Frage 3: Wie wichtig erachtest Du Dehn- und Kräftigungsübungen?

 

Wenn wir die Form richtig machen, dann ist in ihnen sehr viel Kräftigung und Dehnung enthalten. Das ist formell ausreichend und jeder, der einen Lehrgang bei mir mitgemacht hat, der weiss wovon ich rede. Ansonsten: Learning by Doing...durch die Übung entstehen die Kräfte, die ich auch für die Übung brauche.

Die Basis ist aber immer Stehende Säule, Seidenübungen und Form! Dagan ist ganz klar eine Kräftigungsübung, auch die Ballform ist eine Kräftigungsübung. Ich kann ja in der Schwere des Balles variieren. Es ist eigentlich egal, was ich mache, wichtig ist das Prinzip: huo – Im Prinzip bleiben. Es nützt nichts, wenn ich beispielsweise mit einem 14 KG Ball übe, und dass aber nur mit verkrampften Schultern und völlig falsch ausgewinkelt versuche mit dem Ball zu üben, bringt das gar nichts. Dann lieber mit einer 4 KG Kugel üben und im Prinzip bleiben. Denn wenn ich nicht im Prinzip bleibe, kann ich sogar schlechter werden. Es gibt so etwas wie Taiji-Krafttraining, die früher und auch heute noch in Chenjiagou trainiert werden. Wichtig ist dabei aber immer Huo, im Prinzip bleiben, ansonsten ist alle Mühe vergebens.

Ich selbst mache diese Übungen aber nicht. Ich habe sie gelernt, kann sie lehren und habe sie eine Zeit lang trainiert. Das ist aber schon bald 15 Jahre her. In meinem Training spielen diese Übungen keine Rolle.

 

 

  

Frage 4: Übst Du spezielle Fajin (Explosionsbewegungen)-Übungen, oder kommt wirklich alles aus der Form?

 

Auch das ist das klassische Prinzip: Alles kommt aus der Form. Die zweite Handform ist dafür da, das Fajin zu entwickeln. Natürlich muss man die zweite Handform dann auch so laufen. Viele Leute lernen die zweite Handform und da wir ja sehr genau auskorrigieren, sehr genau mit der Energiefühung arbeiten, wollen viele Leute die zweite Form auch so langsam laufen, wie die erste. Das ist Quatsch! Dafür ist die Erste Form da, in der ersten Form lerne ich die Prinzipien umzusetzen, da ist die Langsamkeit ein probates Mittel. In der zweiten Handform ist sehr langsames Üben eher kontraproduktiv. Natürlich, die Qualität des Fajin steht und fällt mit der Struktur und des Verständnisses der Energiearbeit. Deshalb ist die zweite Form erst sinnvoll, wenn die erste Form gut ist. Man kann auch einzelne Fajinbewegungen  aus der Form herausnehmen und einzeln üben, aber das ist nicht notwendig. Es gibt auch ein paar Aspekte die man dann gesondert betrachten und beherzigen kann. Aber grundlegend gibt es keine Geheimnisse oder speziellen Übungen.

 

 

 

Frage 5: Übst Du ein spezielles Qigong?

 

Nein! Oder besser: Ja, das der Seidenübungen.

 

 

 

 

Frage 6: Was sind Deine Pläne mit der WCTAG, angesicht der immer größeren Schülerschaft, wie willst Du die WCTAG an die Größe anpassen?

 

Wir sind relativ schnell relativ groß geworden. Das hat Vor- und Nachteile. Ein großer Verband hat den Vorteil, dass man vielmehr realisieren kann. Viel näher an seine Visionen rankommt. Ein kleiner Verband hat den Vorteil, dass die Betreuung in aller Regel sehr intensiv und familiär ist. Ich finde es sehr gut, wenn man solche Projekte wie das Unterstützungsprojekt für die Tsunami-Opfer in Sri Lanka oder das Aufbauprogramm für Chenjiagou unterstützen kann. Dies ist z.B. mit einem großen Verband sehr viel besser möglich. Die Herausforderung oder Aufgabe besteht für mich jedoch darin, beides möglichst optimal zu kombinieren. Es ist schön, wenn immer mehr Menschen den Zugang zu so einer wertvollen Sache wie Taijiquan finden, aber es ist auch entscheidend, dass sie gut betreut werden. Wichtig ist mir, dass die innere Einstellung nicht verloren geht, denn sind wir Idealisten, es geht uns um das Training, ganz egal ob wir jetzt alle zusammen 10 oder 200 Seminare geben.

 

 

 

Frage 7: Wie viel Training ist notwendig um im professionellen Bereich gut zu werden?

(Interviewer) Es gibt eine große Diskussion, dass zwei Stunden Training täglich werden ausreichend wären, für das Erreichen eines hohes Niveau. Andere die sagen, das sei nicht möglich mit so „wenig“ Training.

(Jan)

Wichtig ist die ganz klare Unterscheidung zwischen Hobby und Profi-Bereich. Es gibt eine ganz altes Sprichwort: Je mehr Münzen ich in einen Sparstrumpf schmeiße, desto voller ist er. Je mehr ich also trainiere, desto besser werde ich. Das heißt aber auch, dass sich Intensität und Trainingsumfang  dem eigenen Niveau anpassen müssen. Am Anfang macht zuviel Training keinen Sinn, der Körper muss sich erst an das viele Training gewöhnen. Die Leute, die in die Geschichte eingegangen sind, haben sehr lange trainiert. Die hatten Phasen, in denen sie sich mehrere Jahre ausschließlich dem Training gewidmet haben. Diese Phasen sind notwendig, für Menschen, die wirklich Großes in ihrer Kunst erreichen wollen. Das kann man nun glauben oder nicht, aber die meisten Menschen die darüber diskutieren, haben das Niveau nicht annähernd erreicht, und können folglich gar nicht beurteilen, wie der Weg dorthin aussieht, weil sie ihn selbst noch gar nicht gefunden haben, oder bestenfalls wenige Schritte darauf gegangen sind. Wohlgemerkt, wir sprechen jetzt über den Weg zur Meisterschaft, und nicht zum Hobby-Taijiler. Gerade aber Taiji im Hobbybereich ist für die meisten Ausübenden der wesentliche Aspekt. Hier wird in der Regel nicht so viel Zeit dem Training gegenüber aufgewandt, aber gerade hier profitieren die meisten Ausübenden sehr. Denn es stellt sich ein definitiv besseres Lebensgefühl und Verständnis ein. Die Gesundheit verbessert sich und ich habe die Möglichkeit, ein besserer und freier Mensch zu werden. Ein paar Minuten am Tag können hier schon ausreichend sein.

Wir reden über eine Kampfkunst. Ich möchte das Wort Kunst hier betonen. Es geht hier nicht darum möglichst effizient, d.h. möglichst schnell möglichst viel zu erlernen. Es geht um einen Lebensweg. Diesen Lebensweg den beschreitet man den ganzen Tag, 24 Stunden lang. Nicht das man den ganzen Tag trainiert, aber das ganze Handeln wird doch von dieser Kunst beeinflusst. So gesehen übt man den ganzen Tag. Aus dieser Perspektive erübrigt sich dann auch die Frage. Wenn ich Zeit habe, laufe ich meine Form, wenn ich keine Zeit habe, versuche ich meine Struktur in dem zu finden, mit dem ich mich gerade beschäftige.

 

 

 

Frage 8: Sind Waffen wichtig zur Entwicklung des eigenen Taijiquan-Könnens?

 

Wie so oft, ist es eine Frage des Niveaus das man anstrebt. Prinzipiell sind die Waffen für die heutige Zeit, als solche bedeutungslos. Es gibt ja die These, dass man die Erkenntnisse aus der Übung mit den klassischen Waffen, auf die modernen Waffen übertragen kann. Da ist natürlich etwas dran, als wiederum auch nicht. Die Übertragung ist natürlich möglich, aber warum soll ich etwas übertragen, wenn ich es auch gleich mit der neuen Waffe machen kann.

Ein Beispiel:
Großmeister Chen  Xiaowang wurde einst von einmal Basketball-Profi gefragt, ob Taijiquan gut wäre, sein Basketball zu verbessern. „Natürlich“, hat der Großmeister gesagt. „Es verbessert die Kraft, das Gleichgewicht, das Körpergefühl etc. Aber wenn Du wirklich gut Basketball spielen willst, dann trainiere Basketball.“

Obwohl die klassischen Waffen also vom praktischen Nutzen eher wenig Relevanz in der heutigen Zeit haben, so spielt doch der historisch kulturelle Bereich eine ernsthafte Rolle. Eine Waffe kann mir spirituell weiterhelfen mich weiterzuentwickeln. Weil sie mich auf eine Einfachheit zurückführen können, wenn ich sie auch mit dem historischen Hintergrund in Verbindung bringe. Außerdem kann ich durch das Waffentraining ein anderes Gefühl für Raum und Energie im Raum bekommen. Waffen sind gerade auch dann sinnvoll, wenn kein Push-Hands Partner zur Verfügung steht. Da ich mit Hilfe der Waffe lerne meine Energie auf ein anderes Medium, über die Fingerspitzen hinaus, zu übertragen. Genau das, worum es auch im Push-Hands geht. Nicht zuletzt können Waffen eine direkte Ernsthaftigkeit beim Training fördern, weil selbst mit den Trainingswaffen immer ein Verletzungsrisiko besteht. Man trainiert eben eine Waffe, das ist kein Spielzeug! Dieses Bewusstsein kann das eigene Training voran bringen. Auf jeden Fall aber sind die Waffen ein Stück der Tradition des Systems.

  

 

 

Frage 9: Es gibt einen weitere Diskussion über eine Aussage, die Du mal getätigt haben sollst: 90 % Form, 10 % Anderes. Wie stehst Du zu dieser Aussage, im Internet wird das sehr kontrovers diskutiert? Chen Zhenglei hat einmal gesagt, dass man ca. 25 Routinen pro Tag benötigt, um ein richtig hohes Niveau zu erreichen. Wie stehst Du dazu?

 

Man muss wiederum genau unterscheiden. Zunächst einmal setzt jeder ganz natürlich Schwerpunkte  im Training, und dem gemäß sollte man auch trainieren. Klassisch sind das tatsächlich so ca. 25-30 Routinen pro Tag. Dazu muss man zwei Dinge berücksichtigen:

1.   Früher, zu Zeiten eines Chen Fake oder Yang Luchan, gab die Stehende Säule und die beiden Sets der Seidenübungen noch nicht. Alles kam aus der Form. Chen Xiaowang hat die Seidenübungssets und die Stehende Säule innerhalb des Chenstils entwickelt, damit das Prinzip anhand von Basisübungen besser begriffen werden kann.

2.   Wenn man berücksichtigt dass diese großen Meister nur ca. 10 Minuten für die Laojia gebraucht haben, dann bekommt das ganze einen ganz anderen Touch. Auf einmal ist es gar nicht so viel. 3 Stunden morgens und 3 Stunden nachmittags. Sagen wir pro Stunde 5 Formen. Das macht 15 Morgens und 15 Nachmittags. Dann klingt das plausibel. Hart und anstrengend ist es auf jeden Fall, aber ganz und gar nicht unmöglich. .

Wir lernen nach Chen Xiaowang, und der vertritt ganz klassisch die Einstellung, dass das Wichtigste in der Form steckt. Aus persönlicher Erfahrung komme ich ebenfalls zu diesem Schluss.

Wenn man jetzt bedenkt, dass die Taiji-Adepten, die sehr ernsthaft trainieren, oftmals 6-8 Stunden täglich trainieren, dann macht das ein Jahrespensum von über 2000 Stunden. Da sind 10% dann auf einmal immerhin 200 Stunden, die ich mich mit anderen Aspekten als der Form auseinandersetze. Das ist dann wiederum recht viel, alles relativiert sich mit dem Pensum und dem Anspruch. Natürlich gibt es andere Meinungen. Das ist auch völlig in Ordnung, die trainieren auf ihre Weise. Wir trainieren auf unsere Weise. Zusammen ergeben wir verschiedene Flügel einer Familie.

 

 

Letzte Aktualisierung ( Sonntag, 7. Oktober 2007 )
 

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