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I. Tai Chi Chuan geht an die Öffentlichkeit
Die Menschen kennen Tai Chi als einen der Hauptzweige des Wushu.
Es ist eine der daoistischen Kampfkünste. Aber ist Tai Chi wirklich
das, was die Leute denken? Vor 1912 wurde Tai Chi ja nur in
eingeweihten Kreisen (in den Familienkreisen) weitergegeben, manchmal
unter Aufnahme von Wissen aus der äußeren Kampfkunstwelt. Diese
Abgeschlossenheit war recht strikt, aus welchem Grund es auch “Innere
Kampfkunst” genannt wurde (Im Chinesischen wird dieses “Innere ...” mit
dem Zeichen für “innen/in der Familie” geschrieben). Daoistische
Kampfkünste basieren auf der Benutzung des Qi und verschiedenen inneren
Aspekten und Tai Chi folgt diesen.
Im Jahr 1912 gründete Xu
Yusheng die Forschungsgesellschaft für Leibeserziehung in Peking und
lud die großen Meister dieser Zeit, wie Wu Jianquan, Yang Chengfu, Yang
Shaohou und Sun Lutang ein, Tai Chi zu lehren. Hiernach wurde Tai Chi
nun öffentlich unterrichtet und in breiten Schichten der Bevölkerung
verbreitet und durch diese Möglichkeit Tai Chi zu lernen wuchs die Zahl
der Tai Chi-Schüler. Die Schüler der verschiedenen Lehrer hatten damals
Kontakte untereinander und nach einiger Zeit bekamen die modernen Tai
Chi-Stile wie Yang und Wu ihre eigene Form. Erst hiernach wurden den
Stilen ihre offiziellen Namen gegeben. Während dieser Entwicklung kam
es zu einigen Änderungen in den Positionen, aber sie waren nicht sehr
groß - noch immer kann man sehen, dass alle verschiedenen Schulen des
Tai Chi ähnliche Positionen haben.
Die Popularität der Tai
Chi-Stile, namentlich des Chen-, Yang-, Wu-, Sun- und Wu(Hao)-Stil,
wuchs innerhalb Chinas sehr schnell. Das Hauptziel der Tai Chi-Lehrer
war die Stärkung der Gesundheit der Nation durch die Popularisierung
des Tai Chi in großem Rahmen. Die Forschung und der Austausch, den die
Lehrer und ihre Schüler in dieser Periode durchführten, ist ein
wichtiger Grund, warum Tai Chi heute so verbreitet ist. Leider werden
heutzutage - besonders in China - viele neue Stile mit neuen Namen
erfunden und völlig mit den alten 5 Stilen vermischt, ohne wirkliche
Wurzeln zu ihnen zu haben. Dies ist wirklich sehr unglücklich, denn es
verkompliziert die Dinge nicht nur ungemein, sondern verwirrt auch
alles. Es führt zu einer Menge Mißverständnissen bei Anfängern. Die
Geschichte des Tai Chi und die echte Tradition wird damit versprengt
und durcheinander gebracht.
II. Die historische Entwicklung des Wu-Stil Tai Chi Chuan
Der Wu-Stil des Tai Chi Chuan wurde von dem Mandschuren Quan You
(1834-1902) gegründet. Quan You war ein Schüler von Yang Luchan
(1799-1872) dem Gründer des Yang-Stils und wurde später von dessen Sohn
Yang Banhou unterrichtet. Quan Yous Sohn Wu Jianquan (1870-1942) liebte
die Kampfkunst seit seiner Jugend und wurde von seinem Vater
ausgebildet. Dadurch machte er große Fortschritte und war in der Lage
sein Können zu vertiefen. Nach 1912 unterrichtete er bei der Pekinger
Forschungsgesellschaft für Leibeserziehung. Er vollendete die
Entwicklung des Stils und seine beiden ersten Schüler waren seine Söhne
Wu Gongyi und Wu Gongzhao, die genauso wie andere Schüler schnell einen
hohen Standard erreichten. Die neu eröffnete Tai Chi-Schule der
Pekinger Gesellschaft wurde finanziert durch das chinesische
Bildungsministerium. Lehrer von Sportinstituten aus allen Provinzen des
Landes wurden für 2 Jahre nach Peking gesandt, um dort Tai Chi zu
studieren. Nach der Graduierung wurden sie in ihre Provinzen
zurückgeschickt, um dort Tai Chi zu lehren und weiter zu studieren.
Hierdurch wurde der Wu-Stil über ganz China verbreitet.
Wu
Jianquan gründete 1935 in Schanghai den Jianquan-Tai Chi Chuan-Verband,
in der er der Vorsitzende und Ma Yueliang der zweite Vorsitzende war.
Zu dieser Zeit reiste Wu Jianquan auch nach Hongkong und Kanton wie
auch in viele andere Städte in Südchina. Er starb 1942. Dies war ein
großer Verlust für die Tai Chi-Welt.
Wu Gongyi begann schon im
Alter von 19 auf Einladung verschiedener Provinzen und Städte dort Tai
Chi zu unterrichten. 1924 wurde Wu Gongyi Chefausbilder für Kampfkünste
an der Huangpu-Militär-Akademie - zu dieser Zeit die berühmteste
Militärakademie in China. Zur selben Zeit unterrichtete er auch an der
Zhongshan-Universität. 1937 eröffnete Wu Gongyi eine Tai Chi-Schule in
Kanton und seine Nachfahren führten den Wu-Stil in ganz Südostasien und
später auch in Nordamerika ein.
Wu Jianquans älteste Tochter Wu
Yinghua lernte von ihrer Jugend an bei ihrem Vater und unterrichtete am
Institut für Kampfkünste in Peking. Mitte der 20er Jahre ging sie auf
Einladung der Firma Siemens nach Shanghai und unterrichtete dort an
verschiedenen Stellen. Zusammen mit ihrem Mann Ma Yueliang verbreitete
sie den Wu-Stil in China bis in die 90er Jahre. Sie bekam den Titel
eines Ehrenmitgliedes des Chinesischen Kampfkunstverbandes und war in
den Kampfkunstkreisen ganz Chinas sehr bekannt.
Ich, Ma Jiangbao,
bin der dritte Sohn von Wu Yinghua und Ma Yueliang und begann mit 19
Jahren Tai Chi zu unterrichten. Ich reiste auch mit meinen Eltern in
viele Städte, um dort den Wu-Stil zu verbreiten. 1986 kam ich mit
meinen Vater nach Deutschland und blieb dort für 2 Jahre. Danach ging
ich auf Einladung der chinesischen Gemeinschaft in Holland nach
Rotterdam, um dort zu unterrichten. Heute habe ich Schüler in
Deutschland, Holland, Dänemark, England, Polen und in der Schweiz.
III. Wu-Stil Tai Chi Chuan
Im Wu-Stil Tai Chi Chuan wird bis heute eine umfangreiche
Sammlung an Formen (Handformen, Säbel-, Lanzen-, Schwertformen) und
Partnerübungen praktiziert. Vor 1912 gab es als Handform nur die
schnelle Form. Nach 1912 kamen viele Menschen nach Peking um Tai Chi zu
studieren. Einige von ihnen waren alt oder hatten noch nicht sehr viel
Erfahrung mit den Kampfkünsten. Angesichts dessen wurden aus der
schnellen Form die Sprünge entfernt und die Bewegungen vereinfacht,
aber auch präzisiert. Das Tempo wurde in Einklang mit der
Yin/Yang-Theorie verlangsamt. Dies führte zu der Geburt des Wu-Stils
mit einer eigenen Langsamen Form, in der die speziellen Charakteristika
des Stils noch betont werden. Etwa zur gleichen Zeit gründeten auch
Yang Chengfu und Sun Lutang ihren eigenen Stil mit jeweils einer
eigenen langsamen Form. Der Wu-Stil bewahrte die ursprünglich schnelle
Form, die in Aufbau und Reihenfolge der Bewegungen der langsamen Form
gleicht, bis heute. Es ist aber von großer Bedeutung, zuerst die
langsame Form zu erlernen, weil man sonst leicht in die harte, äußere
Kampfkunst abgleiten kann.
Die langsame Form des Wu-Stils ist
von den Grundstellungen her kompakt, natürlich und locker, langsam und
ununterbrochen, lebendig, fließend, weich und ausgeglichen. Die
Waffenformen unterstützen diese Qualitäten, werden aber in der Regel
schneller ausgeführt. In allen Formen müssen Anfänger zuerst die
verschiedenen Positionen und Bewegungen lernen. Dabei müssen die
Bewegungen geschmeidig bleiben und die Atmung natürlich. Der Atem muß
eine gewisse Tiefe und Breite haben, damit der ganze Körper mit ihm
gefüllt und gut versorgt ist. Dabei ist es wichtig, dass die
Körperhaltung den Prinzipien des Tai Chi entspricht, d.h. aufrechte
Haltung des Kopfes, aufrechtes Steißbein, gerader Rücken, Schultern
senken und Ellenbogen herabhängenlassen, sowie Becken senken. Zhang
Sanfeng, der Begründer des Tai Chi Chuan, über Tai Chi Chuan: “In jeder
Bewegung soll der ganze Körper leicht und beweglich sein, als wären
alle seine Teile auf einem Faden aufgereiht.”
IV. Wu-Stil Push-Hands
Das Push-Hands ist ein sehr wichtiger Teil des Wu-Stil Tai Chi.
Man muß es sehr viel praktizieren, um tiefer in die Theorie des Tai Chi
eindringen zu können. Die traditionelle Tai Chi-Theorie basiert auf dem
Klassiker von Zhang Sanfeng, der Abhandlung von Wang Zongyue und dem
“Schlüssel zu den 13 Bewegungen”. Mit den eigenen Erfahrungen im
Push-Hands kann man versuchen, diese Theorien zu verstehen. Wu-Stil Tai
Chi betont die Prinzipien der Körpermechanik, das Wissen über das
Zentrum und die verschiedenen Richtungen, sowie die Benutzung von Kraft
und richtigem Timing. Aber auch die richtige körperliche und mentale
Vorbereitung ist wichtig. Dadurch wird es im Wu-Stil Tai Chi möglich,
Kraft und Härte durch Weichheit zu überwinden und Bewegung mit Ruhe zu
beantworten.
Der Rahmen des Wu-Stils Push-Hands ist weder groß
noch klein und erfordert eine gewisse Strenge. In den präzisen und
genauen Bewegungen muß der Körper gerade gehalten werden. Wichtig ist,
dass der Fluß der Bewegungen gleichmäßig und ohne Kontaktverlust zum
Partner ist. Es gilt: “Besiege den Gegner mit weniger Kraft und
größerem Können. Weiche zurück um vorzudringen.” Im Wu-Stil Push-Hands
gibt es Einhand-Übungen, Zweihand-Übungen und Übungen mit Schritten.
Die Einhand-Übungen unterteilen sich in drei Übungen mit Hand zu
Hand-Kontakt und zwei Übungen der “Klebenden Ellbogen”. Bei den
Zweihand-Übungen gibt es neben der Grundmethode des Händekreisens noch
13 verschiedene Variationen. Zu den verschiedenen Zweihand-Übungen
gehören eine große Anzahl an Techniken, um den Partner aus dem
Gleichgewicht zu bringen. Bei diesen Techniken realisieren sich die 8
Bewegungen Peng, Ji, Lü , An, Cai, Li, Zhou und Kao, die in den
Klassikern beschrieben werden und die jeder Praktizierende beherrschen
sollte.
Die Ausführung des Wu-Stil Push-Hands ist sehr weich
und sanft. Wenn man es übt, muß man einen ruhigen Geist behalten und
sollte nicht aktiv angreifen oder Kraft benutzen. Man sagt:
“Leichtigkeit in der Bewegung führt zu Beweglichkeit, Beweglichkeit
ermöglicht den Wechsel und der Wechsel führt zum Neutralisieren.”
Leichtigkeit bedeutet aber nicht, dass keine Kraft im Push-Hands
gebraucht wird. Die Kraft wird nur zurückgehalten und wird dem Partner
nicht gezeigt. Um die Kraft des Partners zu spüren, muß man ein sehr
feines Gefühl (Tingjin) entwickeln. Es entsteht erst nach langer Praxis
und sollte sich nicht nur in den Händen, sondern auch in den
Körperteilen befinden, die den Partner berühren. Ohne Anleitung eines
guten Lehrers ist es aber kaum möglich, das Wesen des Push-Hands zu
verstehen.
Wu-Stil Tai Chi ist ein Sport, der die Physiologie und Körperstruktur eines jeden respektiert und sich ihr anpaßt.
Ma Jiangbao, Rotterdam, den 16. Oktober 1999
Mit freundlicher Genehmigung von Martin Bödicker ( http://www.wu-taichi.de )
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